Montag, 23 Mai (Tag 2)

IMG_8456nach, durch, um Erstfeld

Wir wandern also los! Ins Grau in den Regen, nein, wir nehmen besser den Bus in den Transitbereich. Fahren am Tunneleingang vorbei, hier irgendwo in den Felsen geht „es“ also rein. Schroffe Hänge, Erstfeld zerschnitten von den Transittangenten des vorletzten Jahrhunderts. Ein Ort sortiert an der Strecke mit mehr oder weniger verblichenen Hotels. Auf der anderen Seite der Eisenbahnlinie

Dorf. Dahinter dazwischen davor Industriegebiet, Mittelstand, die Reste der Baustellen, Baufirmen, und Kantinen. Trixie sehe ich durch das Nirvana wandern. Auf der Suche nach der Autobahn-Raststätte. Lost im Zwischengelände. Auf der Raststätte schliesslich aufwärmen, welches Motorrad ist das coolste? Nach Italien, oder nach Norden. Kurz aussteigen, weiterdüsen. Die Trucker hier in Notpause fürs Fahrtenbuch, dahinter wird scharf und teuer kontrolliert. Die Raststätte wird betrieben von Anteilseignern aus der Region. Weiter. Wieder rein nach Erstfeld, von hinten quasi. Schliesslich Abendlandung in einer original portugiesischen Kantine. Hier leben seit Jahrzehnten die Fremdarbeiter. Im Fernsehen eine portugiesische Soap. Ordentlich davor die Arbeiter beim portugiesischen Abendessen, Huhn mit Reis. Teils selber seit Jahrzehnten hier auf Schicht. Fussballvereine, Porto selbstverständlich. Erstfeld eine Eisenbahnerstadt. Das wird sich verändern. Früh morgens in unserem Hotel viel chinesisch. Zwei chinesische Reisegruppen hergekarrt zur Übernachtung von Luzern. Das Frühstücksbuffet ist chinesisch-halbkontinental gemischt. An den Wänden Eisenbahn-Fotos, dazwischen chinesische Hinweisschilder. Morgen weiter, auf nach Silenen und dann weiter in die Hänge! GD

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Die Hänge sind nebelbeladen. Es regnet. Als erste Aktion des Tages besorge ich mir eine Regenpellerine im grossen Einkaufscenter. Dann quer über die nassen Matten in Richtung Umfahrungsstrasse. Dort, irgendwo, ist das Familienunternehmen des Steinstossers. Mal schauen, ob die in sonntäglicher Festlaune ausgesprochene Einladung noch gilt. Sie gilt! Ich werde herzlich empfangen. Fast scheint man erstaunt, dass es mich auch an einem Montag gibt. Ein Avatar kennt keine Wochentage. Ich werd durchs Areal geführt. Hier Fuhrpark, dort Werkstatt, dort Energie. Gegründet von 3 Brüdern in den 50-er Jahren. Jetzt ein Unternehmen mit fünfzig Angestellten. Die Familie hält das Ganze zusammen. Würden sich die Nachkommen für etwas anderes entscheiden, wäre es in Ordnung. Aber sie tun es nicht. Und ja klar, hätte man auch profitiert von dem Eisenbahnbau. Wenn das jetzt wegbricht, ja da muss man dann halt schauen. Etwas zu tun gibt’s immer. Ich sage auf Wiedersehen und wandere weiter.

Zusammengehörigkeit, Familie, Tradition. Die Landschaft erzählt eine andere Geschichte. Autogaragen, Gewerbeareale, Arbeitscontainer, Sammelstellen, Schrebergärten, Bauernhöfe. Alles wie durcheinandergewürfelt. Ein aufgerissenes Tal. Graue Schleier hängen von den Talwänden. Eine Herde Rinder glotzen mir nach. Ich weiss, was sie meinen: Was suchst du hier in deiner Trixietracht?

An der Autobahn-Raststätte versuche ich mich mit Stipo zu unterhalten. Er sitzt hoch über mir in seiner LKW-Kabine und wetzt sein Messer an der halbheruntergelassenen Scheibe. Ich wolle weg hier, sage ich, ob er mich mitnehmen könne. Er lacht laut auf und fragt, zu welchem Gewerbe ich dazugehöre. Eine Scheibe Brot mit Wurst könnte er mir anbieten, aber dann solle ich wieder gehen.

Danach lange rumlungern an der Tankstelle. Amerikanische Touristen kaufen Gummibärchen. Motorradfahrer tanken auf. Reisebusse machen Pinkelstopp. Italienisch müsste man können, niederländisch, kroatisch und bulgarisch. Endlich erbarmt sich einer und nimmt mich mit bis zur nächsten Ausfahrt. Verlorenheits-, nein, Transitgefühl.

Später am Abend dann einen Gesprächspartner gefunden, ein portugisischer Gastarbeiter. Sein erster Winter in der Schweiz. Transitwanderer unter sich. BF

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